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 Drascha für die hohen Feiertage 5781 — Rabbiner drs Edward van Voolen, Abraham Geiger Kolleg an der Universität Potsdam

Schana towa! Wir feiern unsere Feiertage Rosch Haschana (Neujahr) und Jom Kippur (Versöhnungstag) in diesem Jahr wegen der Corona—Pandemie anders als in anderen Jahren. Die Botschaft ist aber um so stärker. Wir brauchen einander mit einer noch größeren Liebe als je zuvor. Und die Welt braucht noch mehr Zuwendung von uns Menschen als je zuvor. Liebe, Zuwendung, Achtsamkeit — darum dreht es sich an den Hohen Feiertagen.

Zur Vorbereitung diente der vorige Monat, Elul— geschrieben mit diesen Buchstaben: alef- lamed-wav-lamed. Es sind die gleichen vier Buchstaben, mit denen diese Worte anfangen: Ani ledodi, vedodi li „Ich gehöre meinem Geliebten, und mein Geliebter gehört mir." Worte aus Schir haSchirim, dem Hohelied (6:3), Worte, die die Braut zu ihrem Bräutigam sagt, oder zwei Menschen einander unter der Chuppa sagen, während sie einander einen Ring auf den Finger schieben. So wie ein Ehepaar sich mit diesen vier Worten, die mit den Buchstaben alef-lamed-wav-Iamed anfangen, miteinander verbindet, so hat der Monat Elul uns ermuntert und aufgerufen, uns miteinander zu verbinden, uns näher zueinander und vielleicht sogar näher zu G'tt zu bringen.

Wegen der Corona-Pandemie können wir die Feiertage nicht wie üblich gemeinsam in der Synagoge feiern. Und genau darum, weil es schwieriger ist, an diesen wichtigen Tagen unseres jüdischen Jahres zusammenzukommen, ist Verbindung und Nähe zueinander die wichtigste Herausforderung für alle Jüdinnen und Juden, für uns alle.

Liebe ist die zentrale Aufgabe, die zentrale Botschaft der Tora, des Judentums insgesamt. Liebe deinen Nächsten ist das zentrale Gebot der Tora, diese Worte stehen nicht umsonst genau in der Mitte der fünf Bücher Mose (Leviticus 19,18). Und wieso genau steht das Liebesgebot in der Mitte? Weil wir nach Ebenbild geschaffen sind (Genesis 1,26-27). Jedes Mal, wenn Du mit einer anderen Person in Kontakt bist, mit ihr redest, mit ihr telefonierst, und jedes Mal, wenn man einen Menschen ansieht oder ihr/ihm zuhört, schaust Du G'tt sozusagen ins Gesicht und hörst Stimme. Das Besondere ist, sagt Rabbi Akiva (Pirke Avot 3,14), dass uns dieses Wissen offenbart ist: wir wissen, dass wir nach Ebenbild geschaffen sind: so steht es ja im Buch Genesis geschrieben (Genesis 9,6). Die ganze Tora sowie das ganze Judentum ist ein Kommentar auf diesen einen Satz — sagte Rabbi Hillel, wenn er gebeten wurde, die zentrale Botschaft der Tora in einem Satz zusammenzufassen (Bab. Talmud, Schabbat 31a).

Sind wir in der Lage, einander Zuneigung zu geben? Ja, sagt der Philosoph und Rechtsgelehrte Maimonides (Rambam): Jede Person hat einen freien Willen. Wir bestimmen, ob wir den richtigen Weg wählen und gerecht handeln wollen; das liegt in unserer Macht, wir entscheiden freiwillig, was wir tun und lassen. Und auch wenn wir in die falsche Richtung gehen, liegt das in unserer Macht. Jeder und jede kann so gerecht und rechtschaffen sein wie Mosché Rabbénu oder ungerecht wie König Jerobeam (Rambam, Mischne Tora, Hilchot Teschuwa 5,1—2). Jede und jeder entscheidet, ob sie oder er barmherzig oder grausam, gemein oder großzügig sein möchte.

In den letzten Monaten wurden wir oft auf die Probe gestellt. Die Corona-Pandemie hat uns vor viele Entscheidungen gestellt. Entscheiden wir uns, ob wir uns an die Regeln halten wollen oder nicht? Gefährden wir anderen und unsere eigene Gesundheit? Oder versuchen wir, das zu vermeiden? Helfen wir anderen, die sich nicht helfen können, oder schauen wir weg und kümmern uns nur um uns selbst?

Niemand zwingt uns oder entscheidet für uns oder zieht uns in die eine oder andere Richtung; wir selbst haben die Freiheit, die Seite zu wählen, die wir wollen, sagt Maimonides. Dazu ermutigt uns auch die Tora: „Vor euch liegt die Wahl zwischen dem Segen und dem Fluch: Wählt den Segen.” (Deuteronomium 30)

Die zehn Tage zwischen Rosch Haschana und Jom Kippur sind Tage der Einkehr. Als Juden überprüfen wir weltweit unsere Taten des vergangenen Jahres. Ungerechtigkeiten zwischen Mitmenschen können wir nur durch Entschuldigungen wiedergutmachen. In der Mischna, einem frühen rabbinischen kanonischen Text, wird erklärt, dass man sich bis zu dreimal entschuldigen muss, bis sie angenommen werden, gegebenenfalls sogar mit Geschenken. Wenn die beleidigte Person in der Zwischenzeit gestorben ist, wird an der Grabstelle eine Entschuldigung ausgesprochen. Es scheint, dass die Wiedergutmachung sowohl für den Täter als auch für die betroffene Person etwas Notwendiges ist.

Während der Synagogendienste wird ein kollektives Bekenntnis zu einem alphabetischen Kompendium von Übertretungen abgelegt, z.B. Klatsch, Verrat, Veruntreuung (Aschamnu). Natürlich hat niemand all diese Verstöße begangen. Doch es gibt genug womit man sich identifizieren kann.

Die Notwendigkeit einer kollektiven Entschuldigung ist heute gesellschaftlich ein präsentes und lebhaft diskutiertes Thema: für den Holocaust, für die Rolle, die wir in der Kolonialzeit gespielt haben, für die Sklaverei und für Rassismus in unserer heutigen Gesellschaft. Man muss aber diese Verbrechen gegen die Menschlichkeit nicht persönlich begangen haben, um zu erkennen, dass Entschuldigungen notwendig sind: sowohl durch die Täter als auch für die Erniedrigten und Beleidigten. Nur dann ist ein Neuanfang möglich.

Maimonides sagt, dass man erst dann wirklich Teschuwa gemacht hat, wenn man wieder in die gleiche Situation gerät und dann das Richtige tut (Rambam, ibid 2,1). Jedes Mal werden wir im Leben erneut getestet: Was wählen wir? Wählen wir Liebe, Zuwendung, Achtsamkeit? Ani Iedodi, vedodi Ii / Ich gehöre Dir, so wie Du mir gehörst. Lasst uns füreinander da sein. Schana towa, möget ihr eingetragen werden ins Buch des Lebens.

Rabbiner Edward van Voolen

 

 Sonnabend, den 18. April 2020: Omer zählt — Rabbiner drs Edward van Voolen, Abraham Geiger Kolleg an der Universität Potsdam

Pessach und Schawuot sind auf die gleiche Art miteinander verbunden wie Ostern mit Pfingsten: Zwischen den Feiertagen liegen sieben mal sieben Tage. Pessach feiert die Befreiung aus der ägypCschen Sklaverei und die Entstehung des jüdischen Volkes. Am fünfzigsten Tag nach Pessach, am Schawuot (Wochenfest) wurde die Tora auf Sinai offenbart – in 70 Sprachen, für die ganze Menschheit. Hier entstand das Judentum.

Juden zählen 49 Tage Omer, die Garben der ersten Frühlingsernte, die in biblischen Zeiten im Tempel geopfert wurden. Die Omer-Zeit bezieht sich aber auch auf die lange und gefährliche Reise durch die Wüste von Ägypten zum versprochenen Land, begleitet von Hunger, Seuchen und feindlichen Angriffen. Diese Erinnerung ist bis heute prägend.

Der Talmud erzählt, wie tausende Schüler von Rabbi Akiba (50-135) von einer Plage und den Römern heimgesucht wurden. Nicht nur deswegen ist die Omer-Zeit zu einer Trauerzeit geworden – im Laufe der Jahrhunderte haben weitere Heimsuchungen stabgefunden, wie im Mibelalter, wenn Juden von Kreuzfahrern auf dem Weg ins Heilige Land ermordet wurden. Und bis in die Moderne wurden sie beschuldigt, Plagen wie Pest und Cholera verursacht zu haben. Auch der Shoa wird in der Omer-Zeit gedacht.

Abgesehen vom Feiertag zu Israels Unabhängigkeit, gibt es seit der frühen Moderne nur eine Ausnahme in dieser Trauerzeit: LaG baOmer (die Buchstabe Lamed ist 30, Gimmel 3), der 33. Tag nach Pessach, in diesem Jahr am 12. Mai. Eine Erleichterung der Plage, ein kurzfrisCger Erfolg im Kampf gegen die Römer wurde mit dem Sterbetag von Akibas Schüler Rabbi Schimon bar Jochai verbunden, der beides überlebt habe. Ihm wird tradiConell den Sohar, das Hauptwerk der jüdischen MysCk zugeschrieben. Hunderbausende Juden aus aller Welt pilgern zu seinem Grab in Meron in der Nähe von Safed, im israelischen Galiläa. Picknicks und Freudenfeuer bieten einen faszinierenden Anblick. Die Trauerzeit ist aufgehoben, und man darf auch wieder heiraten.

Jetzt leiden wir alle unter einer neuen weltweiten Seuche, die uns verfolgt. Feiern tun wir trotzdem, aber zu Hause. Dass wir uns digital verbinden und uns untereinander solidarisieren, ist im Sinne unserer demokraCschen Staaten und unserer Religionen, für die der Schutz des Menschenlebens und der Nächstenliebe zentrale Bedeutung hat. Nächstes Jahr feiern wir wieder zusammen, in unseren Kirchen, Synagogen und Moscheen.

 

 Freitag, den 5. Juni 2020: Drascha Naso „Segne!“ — Rabbiner drs Edward van Voolen, Abraham Geiger Kolleg an der Universität Potsdam

Die priesterliche Handsprache mit gespreizten Fingern ist weltberühmt geworden seit dem vulkanischen Gruß vom Star-Trek-Figur "Spock", gespielt von Leonard Nimoy. Er sah es zum ersten Mal, als sein Großvater ihn in eine orthodoxe Synagoge mitnahm. Er spürte, dass es etwas besonders war.

In orthodoxen und vielen konservativen Synagogen wird der "priesterlichen Segen" Birkat Kohanim, der in unserer Parascha Naso zu finden ist, ganz ohne besondere Fanfare an Wochentagen und am Schabbat bei der Wiederholung der Amidah gesungen. Aber an Feiertagen wird es morgens von Kohanim selber ausgesprochen, die in der Tradition der biblischen Priester stehen. Kurz nach der K'duschah, dem dritten Lobspruch in der Amidah, dem "Heiligkeits"-Gebet, verlassen die Kohanim die Synagoge, ziehen ihre Schuhe aus und waschen ihre Hände. Jeder Kohen bedeckt sein Gesicht mit einem Tallit, um die Menschen nicht abzulenken und zu verhindern, sie anzuschauen. Der Gemeinde zugewandt spreizen sie ihre ausgestreckten Finger, um den hebräischen Buchstaben schin zu bilden, den ersten Buchstaben des hebräischen Wortes Schaddai, das so viel wie "Allmächtiger Gott" bedeutet. Um sicherzustellen, dass die Kohanim die Worte richtig aussprechen, singt der Chasan jedes Wort zuerst aus dem gedruckten Gebetbuch und danach wiederholen die Kohanim es. Dann kehren sie zu ihren Sitzen zurück und werden wieder gewöhnliche Beter in der Gemeinde. Auch in vielen unserer Liberalen Gemeinden ist es üblich, dass der Rabbiner am Ende des G’ttesdienstes den priesterlichen Segen ausspricht. Dieser Brauch geht zurück auf dem ersten öffentlichen Gottesdienst nach der Einweihung der Stiftshütte in der Wüste, wo Aharon, der erste Kohen, auch seine Hände spreizte, um das Ganze Volk zu segnen (Levitikus 9,21-22).

Ist das nicht merkwürdig? Das Liberale Judentum lehnt doch schon immer den Begriff des Priesterstatus ab? Klar, als der Tempel in Jerusalem noch stand, führten Priester und Leviten den Opferkult durch, sangen und spielten die begleitenden Melodien und waren für die physische Instandhaltung des Tempels verantwortlich. Doch nach der Zerstörung des Tempels im Jahre 70 gingen diese Aufgaben und das damit verbundene Prestige verloren - zumindest bis der Messias kommt, um den Tempel wiederaufzubauen und den Priesterkult wiederherzustellen. Um diesen Statusverlust der Kohanim zu lindern, den Schmerz, sich plötzlich nicht privilegierter als das einfache Volk zu fühlen, wurden den Priestern und Leviten einige Höflichkeiten zuteil, wie z.B. vor allen anderen Juden zur Tora aufgerufen zu werden und mehrmals im Jahr vor der Gemeinde zu stehen und Birkat Kohanim zu rezitieren. Als moderne, egalitäre Religion wollte die Reformbewegung aber nichts davon haben. Auch das folgt früheren Präzedenzfällen. Nicht nur Liberale Juden heute, aber sogar die biblischen Israeliten waren misstrauisch gegenüber priesterlichen Vorrechten - eine Tatsache, die schon von früheren Rabbinern aufgegriffen wurde, als sie unsere Parascha kommentierten. Sie weisen darauf hin, dass die Anweisung "So sollst du das Volk Israel segnen" impliziert, dass die Priester sich darauf beschränken sollten, Wort für Wort zu wiederholen, was Gott ihnen zu sagen hat. Das tragische Schicksal von Aharons Söhnen Nadaw und Awihu, die mit dem Tod bestraft wurden, weil sie "vor dem ewigen fremden Feuer" geopfert hatten, ist nach rabbinischer Auffassung eine Ermahnung an die Priester, den Gottesdienst genau nach den Anweisungen, die Gott ihnen gab, durchzuführen (Levitikus 10,1-2). Darüber hinaus wird anschliessend an den Priestersegen in Numeri 6,27 1gesagt: „Wenn sie meinen Namen aussprechen, werde Ich, Gott, euch segnen.“ Es ist Gott, der das Volk segnet, nicht die Kohanim.

Die Trennlinien zwischen Priester und Volk werden allmählich weiter verwischt. Die priesterliche Autorität ist schon in der Bibel demokratisiert. So sagt Gott unmittelbar bevor er die Zehn Gebote gibt, zu den Israeliten: "Ihr sollt mir ein Königreich von Priestern und ein heiliges Volk sein" (Exodus 19,6). Dem jüdischen Volk als Mamlèchet Kohanim, Königreich von Priestern, bekommt also eine besondere Verantwortung übertragen, wobei das Volk sich wie Priester auszeichnen sollten durch eine besondere Lebensweise, die dem Dienst an Gott geweiht und den Bedürfnissen des Volkes gewidmet ist. Dies ist die Aufgabe, die Juden in ihrer Rolle als „Licht unter den Nationen“ in der Welt haben, in einer dienenden Rolle „an allen Menschen, bis an das Ende der Erde“ (Jesaja 49,6). Kohanim, aber auch Rabbiner haben dank dieses Impulses zur Demokratisierung längst nicht mehr das Alleinrecht den Priestersegen auszusprechen. Jede Jüdin, jeder Jude hat das Recht, ihn auszusprechen. Sowie Rabbiner und Kantoren B'nei und Bnot Mitzwa, Paare unter der Chuppah und Juden nach Wahl segnen, segnen ja auch Eltern ihre Kinder am Schabbat am Tisch.

Segnungen gehen weit über High Fives und ein Schulterklopfen, eine Umarmung hinaus – wie sehr ich mir auch wünsche, das irgendwann wieder machen zu dürfen. Birkat Kohanim wird diese Woche am Schabbat überall in der Welt verlesen, zu Hause oder in der Synagoge. Der Text gehört nicht mehr nur den Priester: Der Text gehört uns allen. Sowie der biblische Priester das Volk segnete, und das Volk so letztendlich von Gott gesegnet wurde, so sollten wir diesen wunderschönen Text einander zusprechen, einer teuren Freundin oder einem teuren Freund, damit diese Person von Gott gesegnet wird. Die alten biblischen Worte können eine sehr spirituell befriedigende Wirkung haben. Wie gesegnete Kinder bekommen gesegnete Erwachsenen eine besondere Ausstrahlung, die mit Sicherheit etwas mit der Gegenwart Gottes zu tun hat. Genau das ist die beabsichtigte Wirkung von Birkat Kohanim. Die Tora selbst bietet die Erklärung dafür, warum Gott den Priestern befiehlt, diesen Segen auszusprechen: "So werden sie meinen Namen mit dem Volk Israel verbinden, und werde Ich, Gott sie segnen" (Numeri 6,27). Vielleicht sollten auch wir nicht nur die Kinder, aber auch einander am Schabbat segnen, oder auch einfach während der Woche. Und wenn wir diesen Segen erteilen, können wir alle dazu beitragen, dass Gottes Gegenwart um uns herum spürbar wird.

Ken Jehi Ratzon, so möge geschehen. Schabbat schalom.

 Sonntag, den 16. Mai 2021: Schawuot und Solidarität — Rabbiner Drs Edward van Voolen, Abraham Geiger Kolleg, Universität Potsdam

Warum lesen wir an Schawuot die Megillat  Rut, die Rut-Rolle? Diese im ländlichen Milieu inszenierte Erzählung spielt in der Erntezeit – Chag haKatzir (Erntefest, Num 28,26) und Jom haBikurim (Tag der Erstlinge, Ex 23,16) – dies sind die alternativen Namen für Chag haSchawuot (Wochenfest, Dtn 16,10), das wir sieben Wochen lang (Schawuot) nach Pessach feiern.

Die folgende Aussage von Rut bewegt mich besonders: „Dränge mich [Rut] nicht länger, dich [Naomi] zu verlassen und zurückzugehen, von dir weg. Denn wohin du gehst, dahin werde auch ich gehen, und wo du übernachtest, da werde auch ich übernachten; dein Volk ist mein Volk, und dein Gott ist mein Gott. Wo du stirbst, da werde auch ich sterben, und dort will ich begraben werden. Der Ewiger ist mein Zeuge: Nur der Tod wird mich von dir trennen“ (Rut 1,16f).

Rut, eine nicht-jüdische moabitische Frau, solidarisiert sich nach dem Tod ihres Mannes mit ihrer Schwiegermutter Naomi. Naomi lässt sich von ihren Worten überzeugen und beide entscheiden sich für einen gemeinsamen Lebensweg. Kurz darauf heiratet Rut Boas. Sie bekommen einen Sohn, der später Jischai zeugt, den Vater Davids, den Stammvater des uns verheißenen Messias. Ihre Aussage hat also große Konsequenzen!

Auffällig ist, dass Rut zuerst das Volk und erst danach den Gott ihrer Schwiegermutter erwähnt. Zuerst die praktische Solidarisierung, dann die theologische. Bis der Tod sie trennt. Würde meine Solidarität mit anderen so weit gehen? Könnte ich mich engagieren für eine arme Frau, die wegen Hungersnot aus ihrem Land geflüchtet ist und jetzt mit einer verwitweten Schwiegertochter mittellos nach Hause zurückkehrt?

Leben bedeutet, sich um andere Menschen zu kümmern. Erst danach kommt die Ideologie, die Theologie – so Rut. Oder kommt die Theorie zuerst, und trägt und motiviert unsere Entscheidungen? Mit diesem Spannungsfeld beschäftigt sich Schawuot: Wir lesen zwei zentrale Texte, Gottes prägende Zehn Worte und Ruts bewegende Aussagen.

Im Buch Rut betrachtet eine Familie insbesondere die Verpflichtung ihren Mitgliedern gegenüber, die in Armut gefallen sind, als zentral. Zusätzlich spielt Erbschaft für Frauen eine Rolle. Und schließlich das Verhältnis zwischen Juden und anderen Völkern. Das Buch Rut bestreitet den Standpunkt, dass eine Ehe mit einer ausländischen Frau nicht erlaubt sei. Das sind große Themen, die uns noch immer beschäftigen.

Jeder Mensch steht jedes Jahr an Schawuot am Fuß des Berges Sinai und empfängt die Tora, die Weisung. In den vielen Krisen nach der Zerstörung des Tempels, in Zeiten der Verfolgung und von Epidemien wie der heutigen, sind die Worte der Tora aber nicht immer einfach hinzunehmen. Zu oft triumphiert das Böse. Ganz in der biblischen Tradition – wobei Abraham, Moses oder die Propheten regelmäßig mit Gott streiten, ob der Ewige sich denn an Seine eigenen Gesetze hält – entwickeln die Rabbiner das Konzept eines Dialogs, manchmal sogar eines Streitgesprächs: Wenn Gott schweigt, sprechen wir (im Gebet oder beim Studium), und Gott hört uns hoffentlich zu. Es ist unsere Aufgabe, die Schöpfung zu ergänzen, zu vollenden (Tikkun Olam).

Das ist auch ein Grund, weswegen das Buch Rut so gut zu Schawuot und zu unserer Zeit passt: Hungersnot, Flucht, Exil, sterbende Menschen ohne Nachkommen, Witwen und verwaiste Kinder, ohne Schutz. Rut, die kaum mehr eine Perspektive hatte, hat Naomi nicht im Stich gelassen. Sie hat sich mit Naomi solidarisiert und ihren Gott angenommen.

Damals sind wir aus Ägypten befreit worden und haben am Sinai gestanden. Ist die Welt besser geworden, hat die Sklaverei aufgehört zu existieren? Ist Ungleichheit abgeschafft, sind Gier und Ausbeutung verschwunden? Wächst die Kluft zwischen reich und arm nicht vielmehr erschreckend stark? Die heutige Realität von Leiden und Unrecht steht in schroffem Kontrast zu „Gott schuf die Menschen nach Seinem Ebenbild, als Mann und Frau schuf Er sie“ (Gen 1,27), solange ethnische, sexuelle und religiöse Minderheiten, Farbige und Frauen diskriminiert werden. Das Buch Rut sagt zugespitzt, dass aus unfruchtbarem, blutgetränktem Boden neues Leben entstehen und aus dem Stamme Jischais ein neuer Reis entspriessen kann: König David, der Vorfahre des verheißenen Messias. Kein Verlust oder Hunger kann die Hoffnung auf Befreiung und Offenbarung zerstören – wie schwierig das auch zu erkennen sein mag, wenn man selbst in dieser Situation ist.

Rut macht uns klar, dass Liebe stärker ist als der Tod. Rut bedeutet, dass messianische Perspektiven geboren werden in einer Zeit, in der vieles zerstört ist. Die Aussage Ruts (in unserer Tradition als ihre freiwillige Aufnahme ins Judentum interpretiert) ermutigt mich jeden Tag, meine Liebe zum Judentum in Taten umzusetzen. Dann spüre ich, dass ich wieder am Sinai stehe, zusammen mit den Generationen vor mir, mit den Toten und Ermordeten sowie mit den Lebenden, die sich nach Hoffnung sehnen, und mit den Ungeborenen, für die ich die Welt jetzt besser gestalten möchte. Rut bewegt mich bis heute ganz besonders.

--Edward van Voolen

 Freitag, den 11. Juni 2021: Drascha Korach — Rabbinerin Jasmin Adriani

Liebe Gemeinde,

 

Heute ist nicht nur Schabbat, sondern auch Rosch Chodesch. Der Monat Tammus beginnt. In diesem Monat haben wir den Fastentag vom 17. Tammus (27.06.), mit dem die drei Wochen der Trauer über die Zerstörung der beiden Tempel in Jerusalem beginnen, die dann am 9. Av enden (17.07.).

 

Warum wurde der Tempel zerstört? Darauf gibt es natürlich viele Antworten in der rabbinischen Literatur, aber die berühmteste Antwort findet sich im Talmud in Yoma, wo es heißt: Der zweite Tempel, in dem sie Torah lernten - gute Taten taten – warum wurde der zerstört? Wegen Sin'at chinam, grundlosem Hass. Das Volk war zerspalten und die verschiedenen Lager standen sich wegen Nichtigkeiten feindselig gegenüber.

Auch die Parascha diese Woche erzählt von Hass, Aufruhe und Spaltung: Der Rebellion von Korach.

Die Israeliten sind in der Wüste und Moscheh muss wieder einmal große Herausforderungen bewältigen. Sein Bruder Ahron ist der Hohepriester, der Cohen hagadol, und seine Söhne sind die Priester. Eines Tages erhebt sich Korach, ein Levit, die den Priestern dienlich sein sollen, gemeinsam mit 250 Stammesfürsten und Datan und Abiram aus dem Stamme Re´uwens.

Sie wenden sich an Moscheh und Ahron mit den Worten: „Genug mit euch! Kol haEdah kulam kedoschim! Denn die ganze Gemeinde allesamt sind heilig und unter ihnen ist der Ewige! Und warum erhebt ihr euch über die Versammlung des Ewigen?“

Sie fordern die Autorität heraus und wollen ebenfalls Teil an der Entscheidungsfindung sein. Moderne Kommentatoren sehen hier den Wunsch nach mehr Demokratie. Die traditionelle Bibelauslegung sieht Korach und die Seinen freilich sehr kritisch.

Rashi beispielsweise versucht die Psyche Korachs zu analysieren: Er war der Cousin von Moscheh, denn Moschehs Vater Amram war der älteste Bruder, der zweitälteste war Korachs Vater Jizhar und der dritte Bruder war Usiel. Moscheh und Ahron nahmen ihre Positionen ein, die durch das Erstgeborenenrecht gesichert war. Anstatt dann aber Korach als Stammesfürst, als Nasi, einzusetzen, bekam diese Ehrung Elitzafan ben Uziel, der Sohn des jüngsten Bruders und Korach wurde übergangen. Eifersucht und verletzte Eitelkeit sind Raschi zu Folge also die Triebkräfte hinter Korachs Machtbestrebungen.

Moscheh kündigt an, dass es eine Prüfung geben soll, wen G´tt als die Führer der Israeliten haben möchte: Alle Aufständischen und Moscheh und Ahron sollen sich mit ihren Räucherpfannen aufstellen. Hierbei handelt es sich um ein kleines Gefäß, in dem auf glühenden Kohlen Weihrauch oder Kräuter verbrannt wurden. Die Rebellierenden waren mit dieser Prüfung einverstanden und am nächsten Morgen stellten sich alle mit ihrem mobilen Altar auf. Plötzlich „spaltete sich der Boden unter ihnen und die Erde öffnete ihren Mund und verschlang sie und ihre Häuser und alle Menschen, die Korach gehörten, und alle Habe, dass sie und alle ihren hinabfuhren lebendig in die Scheol und die Erde sie deckte und sie verschwanden aus der Versammlung. Und ganz Israel, das ringsum sie stand, floh bei ihrem Geschrei. Und ein Feuer ging aus von den Seiten des Ewigen und verzehrte die 250 Männer.“

Auf diese Weise war die unbestreitbare Autorität von Moscheh und Ahron wieder hergestellt ohne wenn und aber.

Auch wir kennen Spaltung in der Gesellschaft, konkurrierende Gruppen, aber zumeist ohne ein g´ttliches Zeichen zu bekommen, welche Streitpartei Recht hat.

Gerade im letzten Jahr wurden unter den besonderen Umständen der Pandemie viele Gesellschaften auf die Zerreisprobe gestellt. In Israel führte dies zu verschiedenen Spaltungen. Eine ganze Zeit lang wurde sich sehr über die Orthodoxen geärgert, denen man einen laxen Umgang mit der Krankheit vorwarf. In den letzten Wochen kam es zu erheblichen Spannungen mit der arabischen Bevölkerung Israels und den arabischen Nachbarn. Nun gab es Wahlen und die Hoffnung ist da, dass es unter der Beteiligung einer arabischen Partei auch wieder zu mehr Zusammengehörigkeitsgefühl unter den Menschen kommt. Das breite Bündnis aus 8 Parteien, das am Sonntag vereidigt werden soll, hat die Chance abgebrochene Brücken neu zu bauen.

Auch wir in Deutschland wurden durch Corona auseinander getrieben. Neben Querdenkern und undemokratischen Parteien stellte auch die soziale Isolierung eine große Schwierigkeit dar. Auch hier spüren wir wieder Hoffnung und müssen langsam und behutsam wieder zusammenwachsen.

Eine Stelle unseres Torahabschnitts ist mir sehr ins Auge gefallen: „Und Moscheh sprach zu Ahron: Nimm die Räucherpfanne und tue Feuer vom Altar darauf und lege Räucherwerk auf und bring es eilends unter die Gemeinde und entsühne sie, denn der Zorn ging aus vom Ewigen her, die Plage hat begonnen! Und Ahron nahm, wie Moscheh geredet, und lief mitten unter die Versammlung, und siehe, die Plage hatte im Volke begonnen; und er legte das Räucherwerk auf und entsühnte das Volk.“ (17, 12) So beendete er die Plage, der 14700 Menschen zum Opfer gefallen waren. Laut RKI :-)

Ein Heilmittel gegen die Plage? Das erinnert stark an die Coronaimpfung!

Oft kommt mir die Welt so voll vor. So viele Menschen mit ihren Bedürfnissen und ihrer Meinung. Streit und Zerwürfnis wie oben geschildert. Nun muss ich aber zugeben: Ich selbst habe überhaupt nichts zu dem Heilmittel beigetragen, das ich nun auch endlich verabreicht bekommen habe. Ich habe nicht dafür geforscht, habe es nicht entwickelt, nicht bei der Produktion oder Verteilung geholfen, nicht die Glasfläschchen oder Kanülen hergestellt. Ich kann mir nicht einmal die Spritze selber geben. Und trotzdem profitiere ich. Und dann auch noch ohne dafür extra zu bezahlen. Diese Erkenntnis macht mich erstens demütig und zweitens doch dankbar für meine vielen verschieden begabten Mitmenschen. Dass wir es wirklich geschafft haben werden unsere Gesellschaft zu immunisieren, ist ein starkes Stück Teamwork. Es ist Zeuge dafür, dass unser Gesellschaftssystem funktioniert und alle voneinander profitieren können!

Gerade nun also, wenn wir uns an den Sinat chinam, den überflüssigen, grundlosen, verschwendeten Hass erinnern, der zu der Zerstörung der beiden Tempel führte, können wir uns freuen über Ahawat chinam – grundlose Liebe. Lasst uns alle mitwirken, unsere Gesellschaft wieder zusammen zu bringen. Den Schlom Baijt, den Hausfrieden, wieder herzustellen. Ahawat chinam zu verbreiten.

Ich wünsche uns einen friedlichen und liebevollen Schabbat.

Schabbat schalom umeworach!