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2021

Der jüdische Friedhof wird saniert

Start für 700 000-Euro-Projekt am Göttinger Stadtfriedhof
Ältester Grabstein von 1701

Von Peter Krüger-Lenz   © 04.09.2021 GT

Michael Fürst, Präsident des Landesverbandes der Jüdischen Gemeinden von Niedersachsen, auf dem jüdischen Friedhof
Foto: Niklas Richter

Samstag, 04.09.2021

Göttingen. Der historische Teil des jüdischen Friedhofs am Stadtfriedhof in Göttingen ist gesperrt. Viele Grabsteine stehen wackelig, andere deutlich schräg. Das soll jetzt geändert werden. Voraussichtlich etwa 700 000 Euro wird es kosten, das Gelände zu sanieren. Fünf Jahre lang werden die Arbeiten dauern. Michael Fürst, Präsident des Landesverbandes der jüdischen Gemeinden, war am Freitagvormittag für den Start der Sanierung nach Göttingen gekommen.

Der historische Teil des jüdischen Friedhofs in Göttingen ist mehr als drei Jahrhunderte alt. Der älteste Grabstein, der noch steht, stammt aus dem Jahre 1701. Das Gelände sei „der überlebende Teil der jüdischen Gemeinde vor der Shoah“, erklärte Fürst. 1700 Jahre jüdisches Leben auf dem Gebiet des heutigen Deutschlands wird in diesem Jahr gefeiert. Eine Vielzahl jüdischer Gemeinden sei in diesen Jahrhunderten aus den Städten hinausgeworfen, neu gegründet und wieder entfernt worden.

In Göttingen war der Friedhof von den Nationalsozialisten schon früh, 1933, von 140 SA- Leuten geschändet worden, ein weiteres Mal in der Pogromnacht am 9. November 1938. Im Jahr 2000 schließlich wurden 40 Grabsteine mit Hakenkreuzen und antisemitischen Schmähungen beschmiert. Dennoch plädiert Fürst für das Anbringen eines Bauschildes zur Kasseler Landstraße hin. „Jeder soll wissen, dass hier ein jüdischer Friedhof liegt.“

Überlegungen seit 2017

80 Prozent der jüdischen Friedhöfe in Niedersachsen seien in einem guten Zustand, berichtete Bodo Gideo Riethmüller, Abteilungsleiter Friedhöfe beim jüdischen Landesverband. Der Göttinger Friedhof zählt nicht dazu. Im Jahr 2017 hätten sie erstmals darüber nachgedacht, die Begräbnisstätte in Göttingen zu sanieren.

Eigentümer war zu der Zeit eine jüdische Gemeinde in Göttingen. Die Sanierung sei allerdings ohne Erfahrung nicht möglich, so Fürst. Daher habe der Landesverband den historischen Teil übernommen, eine Fläche von etwa 3000 Quadratmetern, genauso groß wie der benachbarte aktuelle jüdische Friedhof. Nach einer Bestandsaufnahme war klar, dass von den 437 Grabsteinen 176 bearbeitet werden müssen. Fürst: „Das sind nur die, die dringend saniert werden müssen.“

Viele seien umgestürzt, andere stünden kurz davor, wieder andere seien abgesunken, erläuterte Fürst. Ob sie nach der Sanierung nie wieder absinken würden, könne niemand sagen – „aber nicht in der Zeit, die wir überblicken“.

Komplett umgestürzt

Auch Peter Hofmann, Steinmetzmeister der hannoverschen Firma Schmalstieg, war nach Göttingen angereist. Er zeigte einige besonders sanierungsbedürftige Grabstätten. Einige Grabsteine stehen bis zu 40 Zentimeter schief aus der Senkrechten, ein größeres Grabmal mit Säulen ist komplett nach hinten umgestürzt. Unmittelbar daneben steht ein mannshoher Grabstein, den Hofmann ohne große Anstrengung zum Kippeln bringt. Von diesen Gräbern geht eine Gefahr für Besucher aus. Deswegen ist der historische Teil auch geschlossen.

Ein „Kleinod“ nannte Riethmüller den jüdischen Friedhof in Göttingen. Hier könne die Kulturgeschichte solcher Begräbnisstätten nachverfolgt werden. Neben einfachen Steinen sind hier auch zahlreiche Stelen bis hin zu einem hausgroßen Grabmal zu sehen. Knapp 575 000 Euro sind für die Sanierung bereits zusammengekommen. 243 000 Euro kommen von der Bundeskulturbehörde, 75 000 Euro steuert die Deutsche Stiftung Denkmalschutz bei. Der Landesverband der jüdischen Gemeinde zahlt nahezu 232 000 Euro aus Eigenmitteln.

Fürst dankte dem SPD-Bundestagsabgeordneten Thomas Oppermann. Er habe das Geld vom Bund eingeworben. „Ohne ihn wären wir heute möglicherweise nicht hier.“ Oppermann war im vergangenen Jahr überraschend gestorben. Und: „Es ist die größte Maßnahme, die wir jemals durchgeführt haben.“

Denkmalstiftung gibt 75 000 Euro für Sanierung von jüdischem Friedhof

Gesamtkosten liegen bei 700000 Euro

© 14.09.2021 GT

Der jüdische Friedhof in Göttingen
Foto: Niklas Richter

Dienstag, 14.09.2021

Göttingen. Die Deutsche Stiftung Denkmalschutz unterstützt die Sanierung des historischen Teils des jüdischen Friedhofs in Göttingen. Für Natursteinarbeiten würden in diesem Jahr 75 000 Euro zur Verfügung gestellt, sagte Stiftungssprecher Thomas Mertz. Insgesamt sind für die Arbeiten rund 700 000 Euro veranschlagt. Zusagen für eine finanzielle Unterstützung gibt es bereits vom Bund und vom Landesverband der Jüdischen Gemeinden von Niedersachsen.

Insgesamt umfasst der zu sanierende Friedhofsbereich auf einer Fläche von etwa 3000 Quadratmetern knapp 450 Grabstellen. 176 davon müssen bearbeitet werden. Der älteste dort noch stehende Grabstein stammt aus dem Jahr 1701. An den alten, zurzeit abgesperrten jüdischen Friedhof schließt sich der aktuelle jüdische Friedhof an, das gesamte Areal liegt auf dem Göttinger Stadtfriedhof.

Der historische Friedhof wurde während der Nazi-Diktatur mehrfach geschändet. Im Jahr 2000 beschmierten Unbekannte 40 Grabsteine mit Hakenkreuzen und antisemitischen Parolen. epd

2011

Mehr als 300 Jahre alt: Der jüdische Friedhof Göttingen

Im "Haus für die Ewigkeit" werden die Gräber nicht eingeebnet
Ältestes Grabmal stammt aus dem Jahr 1701

Von Jörn Barke    © 18.04.2011 GT

Zeigt die Besonderheiten des Friedhofs: Harald Jüttner von der Jüdischen Gemeinde
Foto: Theodoro da Silva

Montag, 18.April.2011

Es ist kein Wunder, dass der jüdische Friedhof in der Nähe eines solchen Ortes liegt. Denn solche verfemten oder unwirtlichen Orte wurden den jüdischen Gemeinden früher im Zuge der allgemein üblichen Diskriminierung zugeteilt, wie Harald Jüttner von der heutigen Jüdischen Gemeinde berichtet. In Adelebsen musste die jüdische Gemeinde ihre Toten etwa in einem Steilhang begraben.

Der jüdische Friedhof in Göttingen ist mehr als 300 Jahre alt. Er wurde laut Jüttner vermutlich in der Mitte des 17. Jahrhunderts angelegt. Das älteste Grab stammt aus dem Jahr 1701. Ein jüdischer Friedhof sei ein „Haus für die Ewigkeit“, die Gräber würden niemals eingeebnet, so Jüttner. Traditionell sind die Gräber in Richtung Jerusalem ausgerichtet, in die Richtung, in die nach jüdischem Glauben einst die Auferstehung der Toten erfolgen soll. Das jüdische Totengebet sei ein Lobpreis Gottes, erklärt Jüttner. Auf dem Göttinger Friedhof weisen allerdings nur ältere Gräber Richtung Jerusalem, die späteren sind an die Topographie des Geländes angepasst und liegen weitgehend parallel zur Kasseler Landstraße.

Die Grab- und Gedenksteine auf dem Friedhof erzählen von der wechselvollen Geschichte jüdischen Lebens in Deutschland. So gibt es für die im Ersten Weltkrieg gefallenen Soldaten einen Gedenkstein von der Ortsgruppe Göttingen im Reichsbund jüdischer Frontsoldaten. Eine preußische Pickelhaube auf einem Grabstein zeugt davon, dass es damals auch deutsch-national eingestellte Juden gab.

Wenige Jahrzehnte später zählte das alles nicht mehr, als der nationalsozialistische Vernichtungsfeldzug gegen das Judentum begann. Ein nach der NS-Zeit aufgestellter Gedenkstein erinnert zunächst noch eher zurückhaltend an den Holocaust: „Zum Andenken an die Mitglieder unserer Gemeinde, die in einer Zeit ihr Leben lassen mussten, in der die Liebe und die Achtung vor den Menschen gestorben waren.“ Deutlicher wird auf einem neueren Grabstein an die Verbrechen der Nationalsozialisten erinnert. Dort wird der Familienmitglieder gedacht, „die in den Jahren 1942-44 durch die Nazis umgebracht wurden“.

Mehr als 300 Jahre alt: Der jüdische Friedhof Göttingen
Foto: Theodoro da Silva

Der Friedhof wurde durch glückliche Umstände während der Nazi-Barbarei nicht zerstört. Doch bis in die Gegenwart hinein ist er immer wieder Schändungen ausgesetzt. Im Jahr 2000 wurden mehrere Dutzend Grabsteine mit Hakenkreuzen beschmiert und antisemitische Parolen aufgesprüht.

Die jüdische Gemeinde in Göttingen war durch die Vernichtungsaktion der Nazis allerdings so geschwächt, dass sie Anfang der siebziger Jahre nicht mehr weiterexistieren konnte. Mitte der neunziger Jahre konnte sie durch den Zuzug von Juden aus der ehemaligen Sowjetunion wiederbelebt werden. Seitdem wird auch der Friedhof wieder belegt – von beiden jüdischen Gemeinden, die sich mittlerweile in Göttingen gebildet haben. Bedingt durch die Zuwanderer finden sich auf dem Friedhof mittlerweile nicht nur Inschriften auf Hebräisch und Deutsch, sondern auch in kyrillischen Schriftzeichen zu sehen.

Etwa 500 Grabstellen gibt es heute auf dem Friedhof. Darunter befindet sich nur ein einziges Mausoleum – dort liegt ein Kaufmann begraben, der ausgerechnet Deutschmann heißt. Ein besonderes Grab ist auch das eines britischen Kriegsgefangenen aus dem Ersten Weltkrieg. Der „Rifleman“ starb am 16. Oktober 1916 im Alter von 21 Jahren, „deeply mourned by his sorrowing mother, sisters, brothers and family“, wie es auf dem Grabstein steht. Dieser werde regelmäßig von der britischen Kriegsgräberfürsorge auf seinen ordnungsgemäßen Zustand begutachtet, so Jüttner. Auch der 2007 gestorbene ehemalige Göttinger Oberbürgermeister Artur Levi ist hier begraben. Der Friedhof werde durch eine Gärtnerei gepflegt, so Jüttner.

Auch in Geismar gab es einst einen jüdischen Friedhof. Er wurde 1937 beseitigt. Heute erinnern an ihn nur noch zwei Gedenksteine. Die Geschichte des jüdischen Friedhofs an der Kasseler Landstraße geht dagegen weiter.

FührungenGeschichte
Es finden regelmäßig Führungen über den Friedhof statt. Die nächste ist Sonntag, 8. Mai, mit Prof. Berndt Schaller. Treffpunkt ist die Gerichtslinde an der Straße An der Gerichtslinde. Männer werden gebeten, eine Kopfbedeckung mitzubringen. Informationen zur Geschichte der jüdischen Gemeinden in der Region gibt es im historischen Handbuch der jüdischen Gemeinden in Niedersachsen und Bremen, das im Göttinger Wallstein-Verlag erschienen ist (2 Bände, 1678 Seiten, 59 Euro).