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Redebeitrag zum Gedenkveranstaltung 09.11.2022 Foto ©Göttinger Tageblatt, mit Genehmigung
von Jannis Walter

 

Der 1919 geborene italienische Chemiker Primo Levi wird im Februar 1944 als Jude und Mitglied der Resistenza verhaftet und nach Auschwitz deportiert. Die nächsten elf Monate muss er unter unmenschlichen Bedingungen unter anderem für die IG Farben Zwangsarbeit leisten, bis am 27. Januar 1945 die Truppen der Roten Armee das Lager Auschwitz- Monowitz erreichen. Bereits 1947 veröffentlicht er seine Erinnerungen an das Erlebte und Überlebte unter dem Titel „Se questo è un uomo?“ - Ist das ein Mensch?- aus denen die Worte zu Beginn stammen. Und damit trifft Levi genau den Kern dessen, weshalb wir alle heute hier stehen: Ihr, die ihr gesichert lebet, denket dass solches gewesen! Erinnert euch!

Wie sieht das Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus momentan, auch insbesondere hier in Göttingen, aus?

In der Stadt finden sich Gedenkorte, wie hier das Mahnmal am Platz der am 9. November 1938 zerstörten Synagoge, zahlreiche Stolpersteine weisen auf die ermordeten jüdischen Bewohner:innen hin, es gibt Gedenkplaketten, die beispielsweise an die Bücherverbrennung im Mai 1933 erinnern oder den Männern und Frauen gewidmet sind, die Zwangssterilisationen unterzogen wurden.

Es gibt zahlreiche Organisationen, Institutionen, aber auch engagierte Einzelpersonen, die sich der Erinnerungsarbeit widmen. Hervorheben möchte ich an dieser Stelle das Göttinger Bündnis „27. Januar – Gedenkenan die Opfer des Nationalsozialismus“, bestehend aus einem breiten Spektrum aus Bildungsinitiativen, Gedenkstätten, politischen Gruppen, Gewerkschaften, aber auch jüdischen und Roma-Vertretungen. Dieses Bündnis organisiert alljährlich von Anfang November bis zum 27. Januar eine Reihe von verschiedenen Veranstaltungen, die sich in dieses Themenfeld einfügen.

Doch wie gesagt, dies ist nur eine von zahlreichen Akteur:innen, deren Anstrengungen gewürdigt werden sollen.

Doch wie soll man nun, 77 Jahre später, die Erinnerung an die Schrecken des Nationalsozialismus wach halten und den Opfern gedenken?

Bei der Gedenkveranstaltung im letzten Jahr habe ich mich auf Anfrage bereit erklärt, als Teil der jüdischen Hochschulgruppe hier an diesem Ort einen Redebeitrag zu halten. Kurz zusammengefasst habe ich in diesem gesagt, dass auch ein ritualisiertes kollektives Gedenken, wie beispielsweise diese Gedenkveranstaltung, richtig und wichtig sind. Diskriminierung und gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit sind jedoch kein Problem der Vergangenheit, sondern für viele Betroffene bittere Realität, die ein couragiertes und aktives Handeln umso mehr erforderlich macht. Wer angesichts von Ungerechtigkeit und Hass still bleibt und zuschaut, trägt dazu bei, dass das Versprechen „Nie wieder“ mehr und mehr entwertet wird, und zu einer bloßen Worthülse verkommt. Meine Worte haben viel Zustimmung, aber auch ein paar kritische Nachfragen geerntet: Wieso jüdische Personen überhaupt um einen Beitrag gebeten worden seien, wo es sich doch seit Jahrzehnten um einen Gedenktag fürdie nicht-jüdische Mehrheitsbevölkerung handle, und was mein mit der geäußerten Kritik am Gedenken verbundenes Anliegen gewesen sei.

Um ehrlich zu sein, bin ich auf eine derartige Reaktion nicht gefasst gewesen. In einem Punkt haben diese Stimmen jedoch vielleicht sogar recht: Ich für meinen Teil brauche keine fixen Gedenktage, keine Mahnwachen, keine Blumen oder Kerzen, um mich der Geschehnisse der Vergangenheit zu vergegenwärtigen. Als Enkel von Shoah-Überlenden habe ich nicht den Luxus, nur kurz inne zu halten und dann ungestört meinem normalen Alltag nachgehen zu können. Natürlich dreht sich auch in der jüdischen Community nicht alles nur um Gedenken und Holocaust, aber doch ist es auch in späteren Generationen nach wie vor ein präsentes Thema – so ähnlich wie Narben, die wahrscheinlich nie gänzlich verschwinden werden.

Und wieso ich letztes Jahr hier schon stand und auch dieses Jahr wieder hier stehe? Um es mit den Worten von Primo Levi zu sagen: „Denket, dass solches gewesen, oder eure Wohnstatt soll zerbrechen. Eure Kinder sollen das Antlitz von euch wenden.“ Die Erfahrungen des Nationalsozialismus sind genauso prägend, wenn nicht sogar noch prägender, für das deutsche Selbstverständnis und unser gesellschaftliches Zusammenleben wie die Wiedervereinigung von BRD und DDR und der Mauerfall, der sich heute ebenfalls jährt. Das ist ein Fakt – auch wenn 28% der Bevölkerung, also etwas mehr als jede:r Vierte, am liebsten einen Schlussstrich ziehen und die Vergangenheit Vergangenheit sein lassen würde. Einer anderen Studie zufolge wissen 40 % der Deutschen im Alter zwischen 18 und 34 Jahrennach eigener Einschätzung wenig bis nichts über den Holocaust. Diese Zahlen und die aktuellen Geschehnisse in Deutschland, Europa und weltweit lassen mich unfassbar machtlos fühlen, scheinen wir ja eben nichts aus der Vergangenheit gelernt zu haben. Der 9. November wird für mich auch immer mit einem anderen Datum untrennbar verbunden sein:
Der 9. Oktober, den Jahrestag des Anschlags von Halle, als ein Rechtsextremist an Jom Kippur versuchte in die dortige Synagoge einzudringen und ein Massaker anzurichten. Als ihm das nicht gelang, erschoss er erst die zufällig vorbeikommende Passantin Jana Lange und dann im Kiez-Döner Kevin Schwarze. Solche Attacken sind keine Einzelfälle, sondern spiegeln erneut und auf besonders schmerzhafte Weise historische Kontinuitäten wieder, die bis ins Hier und Jetzt reichen. Darüber hinaus zeigt es aber auch: Wir sitzen im selben Boot! Der Attentäter von Halle hat eben nicht nur ein Problem mit Jüdinnen und Juden. Dazu gesellt sich unter anderem noch zutiefst rassistisches und frauenfeindliches Gedankengut.

Es ist an der Zeit neue Allianzen zu bilden, ein uns alle betreffendes Problem intersektional anzugehen, Zusammenhänge zu erkennen und somit entschlossen jeglicher Form von rassistischer, fremdenfeindlicher, religiöser, politischer, sozialer oder sexueller Diskriminierung zu begegnen.

Stark vereinfacht gesagt hat Auschwitz nicht erst mit den Novemberpogromen 1938 begonnen, sondern damit, dass eine Mehrheit bestimmt hat, wer mitreden darf und wer nicht, wer teilhaben darf und wer nicht, wer deutsch genug ist und wer nicht.Und dies führt mich auf die von einigen Wenigen geäußerte Kritik an meinem Redebeitrag im letzten Jahr zurück: Personen, die Gedenkveranstaltungen besuchen und dann trotzdem einem solchen Denken in Kategorien von „wir“ und „ihr“ anhängen, haben keinerlei Lehren aus der Vergangenheit gezogen.

Dies führt mich aber auch zu dem Schluss, das wir vielleicht unsere aktuelle Gedenkkultur noch einmal überdenken beziehungsweise uns überlegen müssen, wie wir gemeinsames Gedenken nachhaltig und vor allem für alle zugänglich machen können. Was für Geschichten und welche Lehren wollen wir den zukünftigen Generationen mitgeben? Häufig finden Gedenkakte nach einem bestimmten Schema statt: Solidaritätsbekundungen von offiziellen Stellen, gefolgt von der Vorstellung von Biografien von Opfern des Nationalsozialismus und dem Niederlegen von Blumen - das Ganze unterlegt von trauriger Geigenmusik. Jüdischen Personen kommt dabei häufig eine reine Statist:innen-Rolle zu. Ich bin aber Teil einer jungen jüdischen Generation, die stolz auf ihre Jüdischkeit ist. Die meisten von uns weisen eine Migrationsbiografie auf; rund 90% haben ihre Wurzeln in der ehemaligen Sowjetunion. Sie kennen oft gänzlich andere Geschichten von ihren Großeltern und Urgroßeltern, die unter anderem als Partisan:innen oder als Teil der Roten Armee die Nazis bekämpften. Solche Erzählungen, die sich zum Beispiel um jüdische Rache an Nazi-Verbrechern drehen, passen nicht in das starre Bild von Täter auf der einen und Opfer auf der anderen Seite.

Gleichzeitig spielen andere betroffene Gruppen, beispielsweise Sint*izze und Rom*nja, Menschen mit Behinderung, die LGBT-Community, in der Gedenkkultur noch seltener wenn überhaupt eine Rolle. Ich sage aber:Verschiedene Betroffenenperspektiven gehören zu einem gemeinsamen Gedenken dazu und sollten dementsprechend Gehör finden und Raum einnehmen können.

Erinnerungskultur ist ein intensiver Prozess, der unter der Teilhabe möglichst vieler verschiedener, für die Mehrheitsgesellschaft vielleicht auch unbequemer, Positionen ablaufen muss – hält das Ergebnis unserer heutigen Gesellschaft nicht selten einen Spiegel vor.

Um nun zum Ende zu kommen, möchte ich mich noch einmal insbesondere an all diejenigen richten, die nicht heute hier stehen. Gedenken ist eine kollektive Anstrengung, die jedoch mit jedem und jeder Einzelnen von uns beginnt. Um erneut auf den Titel des am Anfang erwähnten Gedichts von Primo Levi – Ist das ein Mensch? - zu sprechen zu kommen: Eine Person im Jiddischen als „Mentsh“ zu bezeichnen, ist das höchste Lob, das man ihr aussprechen kann. Ein „Mentsh“ ist gerecht, weltoffen und empathisch. Im Deutschen würde man es mit dem Wort „Menschlichkeit“ vergleichen, da erst die gelebte Menschlichkeit einen „Mentsh“ ausmacht. Jüdische Kinder wachsen daher mit der Mahnung auf: „Sei a Mentsh!“ Diesen Appell möchte ich nun an sie und euch weitergeben.